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Pressebericht aus "Badische Zeitung" vom 18.08.2004


Gold bleibt für "Franzi" ein Traum

Nach dem fünften Rang über 200 Meter Freistil steht Franziska van Almsick vor dem Ende ihrer Laufbahn


Von dem BZ-Redakteur Georg Gulde


Olympia Athen 2004
Stemmt sich enttäuscht aus dem Becken:
Franziska van Almsick FOTO: DPA

ATHEN. Das Ziel, für das die Berlinerin Franziska van Almsick die oft stupide Schinderei im Schwimmbecken auf sich genommen hat, wird sie wohl nicht mehr erreichen: einen Olympiasieg. Gestern Abend belegte die 26-Jährige in Athen im Finale ihrer Paradedisziplin, den 200 Metern Freistil, nur den fünften Platz in 1:58,88 Minuten. Was "Franzi" schon seit Jahren will, aber partout nicht schafft, gelang der 22-jährigen Rumänin Camelia Potec. Sie war nach 1:58,03 Minuten im Ziel und holte Gold.

Auf die Frage, ob man sie über diese Strecke noch mal sehen wird, antwortete die deutsche Ausnahmeschwimmerin: "Ich fürchte, nein." Von Wind und Wetter fühlte sich das Glamourgirl des deutschen Schwimmsports in Athen beeinträchtigt. Sie machte keinen zuversichtlichen Eindruck, als sie in die Arena einlief und sich mit aus großen Kopfhörern kommender Musik abzulenken versuchte. Bei der deutschen Meisterschaft war sie dieses Jahr 1:58,04 Minuten geschwommen, eine Hundertstelsekunde langsamer als die neue Olympiasiegerin. Doch das konnte sie nicht wiederholen, obwohl sie nach 50 Metern noch Zweite und nach 100 Metern gar Erste war. Die 4×200-Meter-Staffel wird sie heute wohl dennoch nicht im Stich lassen. Dass die deutschen Schwimmerinnen (unter anderem mit der aus Umkirch stammenden Petra Dallmann) erstmals in der Geschichte Olympischer Spiele Staffel-Gold holen und damit van Almsicks Traum doch noch wahr wird, ist aber unwahrscheinlich.

In Deutschland gibt es zwei Zeitrechnungen im Schwimmen. Die Zeit vor van Almsick und die Zeit mit van Almsick. Nach den Olympischen Spielen wird es eine dritte Phase geben: die Zeit nach van Almsick. Die wird in wenigen Tagen anbrechen. Das ist die Chance für andere, die Blicke auf sich zu ziehen, die zwölf Jahre lang auf "Franzi" gerichtet waren. Wegen ihres eleganten Schwimmstils, dieses scheinbar mühelosen Gleitens durchs Wasser. Noch viel mehr aber wegen ihrer frechen Berliner Schnauze, die sich so wunderbar mit den Wünschen der Werbeindustrie kombinieren ließ. Als van Almsick, 14-jährig, bei den Olympischen Spielen in Barcelona Silber über 200 Meter Freistil und der 4×100-Meter-Lagenstaffel sowie Bronze über 100 Meter Freistil und mit dieser Staffel gewann, war sie noch ein "Backfisch". Ihre frische, freie Art kam an - Manager Werner Köster erkannte das und machte aus van Almsick das, was man heutzutage eine Marke nennt.

"Van Almsick erhielt Werbevertrag um Werbevertrag, in Deutschland kannte sie fast jeder, sie war "unser aller Franzi". Sie wurde von der Öffentlichkeit vereinnahmt wie noch nie ein sportelnder Teenager zuvor. Als sie den Führerschein hatte, umschiffte sie in einem genialen Werbespot für einen Autohersteller Staus, indem sie mit ihrem Wagen abtauchte, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Es gab viele Schwimmerinnen, die ihr den Erfolg geneidet haben. Aber alle sahen es als einen Segen für die Sportart Schwimmen an, dass es "Franzi" gab.

Olympia Athen 2004
Immerhin Fünfte über 200 Meter Lagen:
Teresa Rohmann FOTO: DPA

Alle, bis auf Dagmar Hase vielleicht. Die hatte 1992 in Barcelona das gewonnen, was van Almsick wohl versagt bleiben wird: eine olympische Goldmedaille. Hase, eine in der Öffentlichkeit spröde wirkende Frau, die sich nicht vermarkten wollte oder konnte, blieb trotz der Goldmedaille in der öffentlichen Wahrnehmung weit hinter van Almsick zurück. Obwohl sie sogar einmal "Franzi" zu einer WM-Goldmedaille verhalf: 1994 in Rom verzichtete sie auf den Finallauf, damit der Superstar, der sich im Halbfinale verspekuliert und mit der neuntbesten Zeit den Endlauf nicht erreicht hatte, über seine Spezialstrecke 200 Meter Freistil schwimmen und einen Weltrekord aufstellen konnte.

Seit dieser Zeit hat die im Alter von fünf Jahren durch ihren Bruder zum Schwimmen gekommene Franziska van Almsick wie kaum eine andere deutsche Sportlerin Höhen und Tiefen durchlaufen. Weltmeisterin war sie und insgesamt 22-mal (!) Europameisterin, doch bei Olympia wollte es nie klappen. 1996 als haushohe Favoritin über 200 Meter Kraul nach Atlanta gekommen, "stand ich auf dem Startblock und habe gewusst, dass ich nicht gewinnen werde". Claudia Poll aus Costa Rica siegte, van Almsick wurde um 41 Hundertstelsekunden geschlagen Zweite. Im Jahr 2000 folgte für die Berlinerin der Tiefpunkt bei Olympia in Sydney, als es für sie nicht mal eine Staffelmedaille gab und als die einst vom Boulevard gehätschelte Schwimmerin von den gleichen Blättern als "Franzi van Speck" verunglimpft wurde. Das verletzte die Frau fast mehr als jede Niederlage. Als es ihr nicht mehr viele zugetraut hatten, kehrte die seit 2000 mit dem Handballer Stefan Kretzschmar zusammenlebende van Almsick triumphal zurück: 2002 bei der EM in ihrer Heimatstadt mit fünfmal Gold und dem Weltrekord über 200 Meter Freistil (1:56,64 Minuten). Damals war es gelungen, die Zeit noch mal zurückzudrehen. In Athen blieb ihr das versagt.

Olympia Athen 2004
Schreit seine Freude heraus:
Michael Phelps FOTOS: DPA

Gold Nummer zwei und drei für Michael Phelps

Derweil holte US-Superstar Michael Phelps innerhalb einer Stunde seine Goldmedaillen Nummer zwei und drei ab. Zunächst gewann er die 200 Meter Schmetterling vor Takashi Yamamoto (Japan) und dem Briten Stephen Parry. Danach war er Startschwimmer der siegreichen US-Staffel über 200 Meter Freistil und zog im direkten Goldduell mit dem Australier Ian Thorpe, der als Schlussschwimmer mit den "Aussies" Zweiter wurde, auf 3:2 davon. Die deutsche Staffel wurde Sechster. Teresa Rohmann von der SSG Erlangen wurde bei ihren ersten Olympischen Spielen über 200 Meter Lagen in 2:13,70 Fünfte.