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Pressebericht aus "Badische Zeitung" vom 21.08.2004


Klaus Steinbachs schwierige Mission

Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees räumt ein, "dass die Realität den Erwartungen leicht hinterherhinkt"


Von dem BZ-Redakteur Georg Gulde


Olympia Athen 2004
Die Trampolinspringerin Anna Dogonadze hat gestern
überraschend über Gold errungen. FOTOS: DPA/DDP

ATHEN. Klaus Steinbach hat eine Mission zu erfüllen. Eine unangenehme. Während seine Kollegen aus China, Australien, den USA und Japan stolz auf viele Medaillen bei Olympia in Athen verweisen können, muss Steinbach beschwichtigen und verweisen. Er muss erklären und gleichzeitig keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von Deutschland sagt: "Sie sehen ja, welchem physischen Druck ich ausgesetzt bin." Er sagt es leicht schwitzend und ein Stück weit im Ernst. Dann merkt er, diesen Satz hätte er sich besser verkniffen. Woraufhin er geschwind nachschiebt, dass er es natürlich nicht ernst meine. Schließlich bedrängen ihn die Medienvertreter mehr mit Fragen als mit physischer Präsenz. Kurz vor Halbzeit dieser Spiele spricht er davon, dass "die Realität den Erwartungen leicht hinterherhinkt".

Olympia Athen 2004
Enttäuschung bei Ruderer
Marcel Hacker, der leer
ausging. FOTOS: DPA/DDP

Steinbach steht an der Spitze der deutschen Olympia-Delegation in Athen, er ist NOK-Präsident und Chef de Mission in einem. Er muss die Stimmung hoch halten. Weil er weiß, dass ein mürrisches Athleten-Team nicht die Leistungen bringt, die bei Olympia notwendig sind. Der Arzt bemüht die Statistik: "Das deutsche Team holt bei Olympia in aller Regel zwei Drittel der Medaillen in der zweiten Wettkampfwoche." 2000 in Sydney waren es nach sieben von 16 Wettkampftagen 15 (drei Gold/fünf Silber/sechs Bronze). Am Ende der Spiele waren es 56 (13/17/26) und Platz fünf im Medaillenspiegel. In Athen gibt es nach acht von 16 Wettkampftagen 19-mal Edelmetall (5/5/9). Zweimal die Militaryreiter (Mannschaft und Einzel durch Bettina Hoy), Yvonne Bönisch (Judo), Manfred Kurzer (Schießen) und Anna Dogonadze (Trampolin) gewannen Gold. Aber es gab auch viele herbe Enttäuschungen - zum Beispiel Schützin Sonja Pfeilschifter, Ruderer Marcel Hacker, Dreispringer Charles Friedek.

Olympia Athen 2004
Sichtbare Enttäuschung bei Schützin
Sonja Pfeilschifter, die ihr Ziel nicht
erreichte ausging. FOTOS: DPA/DDP

Das Ziel: Platz drei im Medaillenspiegel

Klaus Steinbachs Herz hängt am Schwimmen, er war 1972 sowie 1976 selbst Olympia-Medaillengewinner.

Die Schwimmer (dreimal Bronze) hatten schon in Sydney enttäuscht. Sie hatten aber in den Jahren danach bei Welt- und Europameisterschaft sowie im Weltcup mit hervorragenden Ergebnissen aufgewartet - ebenso die Schützen und Ruderer. Woraufhin Ulrich Feldhoff, Vize-Präsident Leistungssport beim Deutschen Sport-Bund (DSB), gleich das Ziel für Athen ausgegeben hatte: Platz drei im Medaillenspiegel - hinter den USA und Russland, aber noch vor China. Die Medaillenwertung hat zwar lediglich inoffiziellen Charakter, ist aber für das nationale Selbstverständnis und für die finanzielle Förderung des Sports durch das Bundesinnenministerium bedeutsam. Das deutsche Ego lässt eben nicht zu, in der Nationenwertung von der Ukraine überflügelt zu werden.

In der Vorbereitung haben die Schwimmer bestimmt Fehler gemacht. Mehr Training in Freiluftarenen wie der in Athen wäre sinnvoll gewesen. Selbstverständlich ist es auch unklug, die Anreise vom Trainingslager auf Mallorca über Frankfurt/Main zu vollziehen, nur damit man bei der offiziellen Verabschiedung der Olympia-Mannschaft anwesend sein kann. Aber sonst? Ist es ein Fehler, den erfahrenen Heidelberger Trainer Michael Spikermann in den Betreuerstab aufzunehmen, obwohl nur eine Schwimmerin vom Olympiastützpunkt Heidelberg kommt (Petra Dallmann) und dafür Coaches zu Hause zu lassen, die vier Olympia-Athleten betreuen? Ist es ein Fehler, auf die gleiche Vorbereitung zu setzen, mit der 2002 bei der EM und der WM 2003 große Erfolge erzielt wurden? Ist es ein Fehler, die Athleten zu fragen, ob sie in der Höhe trainieren wollen oder nicht? Petra Dallmann hat nach ihren schlechten Erfahrungen bei der WM 2003 auf ein Höhentrainingslager verzichtet. Sie hat Bronze mit der 4×200-Meter-Kraul-Staffel gewonnen, ist "total happy". Aber an ihre persönlichen Bestzeiten kam auch sie in Athen nicht heran.

Olympia Athen 2004
Abgetaucht: Die deutschen Schwimmer
(hier Nicole Hetzer) taten sich bei Olympia
schwer. FOTO: DPA

Wie Antje Buschschulte und Hannah Stockbauer vertraute auch Franziska van Almsick auf ein Höhentrainingslager in der Sierra Nevada - wie zwei Dutzend Mal zuvor in ihrer Laufbahn auch. Das hatte bei ihr oft den gewünschten Effekt (Bildung von roten Blutkörperchen und damit erhöhte Sauerstoffzufuhr). Dieses Mal ging's schief. Aber lag's daran? Die Experten sind sich nach wie vor uneinig, wann der beste Zeitpunkt zur Rückkehr aus der Höhe ist - ganz kurz vor dem Wettkampf oder zehn Tage vor dem Rennen. Das sei individuell verschieden, sagen Trainer und Ärzte. In der Höhe muss zudem vorsichtiger trainiert werden, weil die Übungen für den Körper anstrengender sind. Die richtige Dosierung zu finden, das ist die Kunst.

"Vielleicht klappt es bei den Schwimmern in vier Jahren besser", sagt Klaus Steinbach. Dann fällt ihm ein, China wird 2008 Ausrichter der Spiele sein - mit einem Potenzial von 1,5 Milliarden Menschen. Was den NOK-Chef sofort zu einem Zusatz verleitet: "2008 erwarte ich China auf Platz eins des Medaillenspiegels." Klaus Steinbach hat eine schwierige Mission zu erfüllen.